Die goldene Mitte?!


Ein Kommentar von Dirk Hellmann

 

 

Die Blicke gehen ins Leere. Nein, Zufriedenheit sieht anders aus. Michael Oenning sitzt auf der Pressekonferenz, stellt sich den Fragen der anwesenden Journalisten – der Wissensdurst beschäftigt sich mehr mit der Zukunft. „Bekommt ‚Collo‘ am letzten Spieltag seinen Abschied?“ „Was waren die Gründe für den Weggang von Zé?“

Die meisten Fragen bleiben unbeantwortet. Man wolle sich auf den nächsten Gegner konzentrieren, so Oenning. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Zukunft noch unangenehmer werden könnte als die Gegenwart …

 

Szenenwechsel. Beim FC St. Pauli verkündet ein wehmütiger Fabian Boll vor dem Heimkracher gegen den FC Bayern München: „Alle haben die erste Liga genossen, gerade auch weil ein großer Teil von uns seit der Regionalliga darauf hingearbeitet hatte. Schade, dass es nun nach einem Jahr schon wieder vorüber ist.“ Noch-Trainer und Kult-Kiezer Stanislawski wirft ein: „Noch sind wir nicht abgestiegen.“

Jetzt schon, denn Bayern München erteilt eine Lehrstunde für den „verschworenen Haufen“, für das Team, welches in der Grundkonstellation schon seit Jahren zusammenarbeitet. Die Antwort ist denkbar einfach: nur Teamspirit, Zusammenhalt, Wille und Kampf reichen nicht für Liga eins! Dabei waren die Braun-Weißen gefühlt schon durch – guter Start in die Rückrunde, dann beginnt der Negativlauf, Verletzungsseuche, mangelnde Qualität. Das Ergebnis ist die zweite Liga.

 

Adieu Teamspirit!

 

Dass man allerdings auch mit vorhandener Qualität weit hinterherlaufen kann, zeigt der „große“ Nachbar. Einzig besonders beim Hamburger SV? Die ewige Ligazugehörigkeit. Wir sind schon immer in der höchsten deutschen Spielklasse, „das schaffte noch kein anderer Klub, da kommt keine anderen ran“ heißt es im Songtext von HSV-Stadionsprecher Lotto King Karl. Auf mehr kann sich der Renommierklub allerdings nicht berufen. Seit Jahren laufen sie, in dieser Saison noch deutlicher als je zuvor, hinter den Erwartungen hinterher.

Die Truppe der Söldner, der Lustlosen, der bunten Schuhe, der Versager. Teure Stars bringen die Rautenträger auch nicht ins internationale Geschäft. Dabei stand man vor gar nicht allzu langer Zeit zweimal im Halbfinale des Europapokals– rückblickend wird dieser Erfolg aber eher als Versagen gesehen.

Hatten die Verantwortlichen noch Winter gehofft, dass der erzwungene Verbleib von Toptorjäger van Nistelrooy den Unterschied machen würde, muss die sportliche Leitung nun erkennen: Außer Spesen nichts gewesen … ach doch, Unzufriedenheit! Teamspirit ade, Hingabe für den Arbeitgeber oder zumindest für die treuen Anhänger nur ein frommer Wunsch.

Insgesamt gilt für beide Mannschaften – Zwei Ausrichtungen, ein Ergebnis: Klassenziel verpasst!

 

Und nach dem Sturm?

 

Auch hinsichtlich der Trainerphilosophie prallten anfangs noch Welten aufeinander. Armin Veh, der eher zur alten Trainergilde gezählt wird und der St. Paulianer schlechthin. Stanislawski verkörpert wie kein Zweiter den Kiezklub, machte mit cum laude seinen Fußballlehrer an der Trainerakademie in Köln, begeistert Spieler wie Umfeld, ist ein akribischer Arbeiter. Am Ende nutzte alles nichts, nicht die Emotionalität von Stani, nicht der Trainerwechsel beim HSV.

 

Die Zukunft ist wage – bei beiden Truppen. St. Pauli wird sich erst einmal neu formieren müssen, für diesen Prozess kommt André Schubert. Er soll den Neuaufbau einleiten, denn der verschworene Haufen wird sich in alle Winde verstreuen. Takyi und Lehmann stehen auf dem Absprung, Max Kruse wird wohl in der Eliteklasse bleiben, Asamoah kehrt zurück nach Schalke, Ozcipka (laut transfermarkt.de) folgt Stanislawski nach Hoffenheim, ebenfalls verlässt Kessler den Klub und, und, und …

 

Dem HSV steht ein ähnlicher Umbruch bevor, viele Spieler sollen gehen, andere wollen gerne weg. Flucht und Vertreibung – Nur (nicht) der HSV!

Unsummen kann die Rothosen-Führung eh nicht mehr zahlen. Eine Kader-Auffrischung hinsichtlich des Blutes und des Charakters soll den Umschwung einläuten. Frank Arnesen wird es schon richten, wenn man ihn denn lässt. Bleibt zu hoffen, dass den entsprechenden Verantwortlichen genügend Zeit gegeben wird, um einen klaren Cut zu ziehen.

Augenscheinlich auch, dass Vereine, die eine erfolgreiche Jugendarbeit haben, zumeist auch in der 1. Liga auf ihrem Niveau stabiler agieren – hier passt der Vergleich von den U-Mannschaften und dem Profiteam. Erfolg beim großen HSV – Fehlanzeige! Charakter zeigen und Charaktere verstehen und trainieren beginnt eben in der Jugendabteilung, dementsprechend charakterstark können die Spieler auch im oberen Bereich sein.

 

Der Weg zurück zum sportlichen Erfolg führt wie so oft durch die goldene Mitte – auf eine besser Saison im nächsten Fußballjahr, mit neuen und alten Gesichtern, frischen Zielen und immer gleichen Fehlern.